Als wir am ersten Morgen durch die Baustellentür ins Treppenhaus kamen, war schnell klar, dass hier zwei ganz verschiedene Aufgaben auf uns warten. Seitlich stehen die Betonfertigteile, also Wände, Treppenläufe und Podeste, und an ihnen waren die Spuren aus Herstellung, Transport und Montage deutlich zu sehen. Die Fugen zwischen den Teilen waren mit Beton zugelaufen oder offen, an den Innenecken war Beton ausgelaufen, wo die Schalung nicht ganz dicht war, und auf den Flächen lagen Betonläufer, Lagerabdrücke, Schwarzabrieb, Kratzer und Farbe. Gegenüber, am Aufzugskern und an der Fassadenseite, steht Ortbeton aus Recyclingbeton mit ausgefransten Schalungsfugen, Bohrlöchern und den Verschmutzungen aus der Bauzeit.
Das Ziel war für beide Betone SB3, aber nicht dasselbe Aussehen. Die Betonfertigteile sollten homogen wirken, und alle Fugen sollten geschlossen werden, weil der Auftraggeber kein Fugenbild wollte. Der Ortbeton dagegen sollte zeigen, dass er aus Recyclingbeton ist: Poren, Lunker, die verschiedenen Gesteinskörnungen und das Schalbild bleiben, ebenso der Absatz und der Farbunterschied zum Betonfertigteil am Aufzugskern. Das war ausdrücklicher Wunsch des Bauherrn. Wir mussten also im selben Raum an der einen Wand Fugen schließen und angleichen und an der gegenüberliegenden die Struktur bewusst stehen lassen.
Angefangen haben wir mit dem Reinigen, und zwar immer mit dem schonendsten Werkzeug zuerst: Abstoßspachtel, Schleifpapier und Schleifstein von Hand, erst danach Stemmer, Sanierungsschleifer oder Winkelschleifer, wenn von Hand nichts mehr ging. An den harten Podestunterseiten haben wir dabei gesehen, dass die Lagerabdrücke mit Langhalsschleifer und Vlies kaum weggehen, dort hilft nur Retusche. Die Betonfertigteilfugen haben wir freigelegt, mit PolyGrip grundiert, mit Betonkosmetik grob im selbst gemischten Farbton gefüllt und angesteift plan geschnitten. Danach kamen die Mittelkosmetik mit dem Betonkosmetik Allrounder, eine neue scharfe Kante an einer Türlaibung und ein krummer Fenstersturz, den wir mit Holzbrettschalung und Sanierungsmörtel gerade aufgebaut haben. Zum Schluss haben wir die Betonfertigteile und die Podestunterseiten mit dem HVLP-Niederdruckgerät und Beton Revive retuschiert und den Ortbeton mit dem Naturschwamm.
Das Ziel SB3 haben wir erreicht. Die Betonfertigteile wirken homogen, die Fugen sind geschlossen, und aus üblichem Abstand nimmt man sie kaum noch wahr. Poren und kleine Lunker sind nach der Retusche offen, und die Oberfläche fühlt sich an wie Beton und nicht wie ein Anstrich. Der Ortbeton zeigt weiter seine Poren, Lunker und sein Schalbild, so wie der Bauherr es wollte. Eine Grenze gehört aber dazu: Wo zwei Betonfertigteile einen leichten Versatz haben, sieht man die Fuge im Streiflicht noch, weil das Licht dort anders bricht. Das ändert keine Retusche, auch keine Fettfarbe. Und der Ortbeton wird immer natürlicher nach Beton aussehen als die Betonfertigteile, die technikbedingt glatter und gleichmäßiger sind, obwohl beides Beton ist.
Was du daraus für dein eigenes Projekt mitnehmen kannst, hat ebenfalls Grenzen. Die rund 166 Arbeitsstunden gehören zu genau diesem Treppenhaus, diesem Schadensbild und diesen zwei Zielen. Daraus lässt sich weder eine feste Dauer noch ein Preis je Quadratmeter für ein anderes Treppenhaus ableiten. Die Nachher-Fotos der Rohbauphase sind direkt nach unserem letzten Arbeitsgang entstanden, noch ohne Geländer, Boden und Einbauten.
Für Planer und Bauleitung zeigt dieses Treppenhaus noch etwas. Zwei Betone im selben Raum brauchen zwei klar beschriebene Ziele, und weil hier klar war, dass der Recyclingbeton sein Schalbild behält und die Betonfertigteile homogen werden sollen, konnten wir jede Stelle danach ausrichten. Betonkosmetik ist dabei eine Investition in ein Treppenhaus, das dauerhaft gut aussieht, und sie gelingt am besten, wenn man mit dem kleinsten Werkzeug anfängt und nicht mit dem größten.