Als wir zum ersten Mal an der Treppe im Bohrkernarchiv in Freiberg standen, war schnell klar, warum man uns angerufen hatte. Die Wandstele aus fünf Betonfertigteilen war in der Sichtbetonklasse SB3 bestellt, so sah sie aber nicht aus. Transport und Montage hatten ihre Spuren hinterlassen: Lagerabdrücke von den Hölzern, Schwarzabrieb, Verfärbungen und Verguss, der über die Decke ausgelaufen war. Die Fugen zwischen den Teilen waren teils offen, teils schlecht verschlossen, an den Flanken waren die Dreikantfasen unsauber ausgebrochen, und dazu kamen Abplatzungen bis etwa 15 Zentimeter, Betonnasen und Kratzer. Die großen Kiesnester saßen nicht an der Stele, sondern an separaten Bauteilen daneben.
Für den künftigen Nutzer ist das keine Wand im Nebenraum. Sie steht im repräsentativen Bereich, direkt an der Treppe ins andere Geschoss, und soll dort Sichtbeton bleiben und ein Blickfang sein. Das Ziel war deshalb SB3, und zwar so, dass man am Ende keine fünf Einzelteile mehr sieht, sondern eine Wand über zwei Geschosse. Zwischen den Geschossen kam der Deckenspiegel dazu, ein 30 Zentimeter breiter Streifen, der schon einmal mit Mörtel überspachtelt worden war. Dieser Mörtel passt zu Sichtbeton nicht, also haben wir ihn zuerst abgeschliffen und korrigiert.
Zu zweit haben wir beide Seiten bearbeitet. Angefangen haben wir mit den Dreikantfasen und dem Reinigen, zuerst von Hand mit Schleifpapier und Schaber, damit die Betonhaut heil bleibt, und danach flächig mit dem Langhalsschleifer. Auf diesem Fertigteil kommt man damit allerdings nicht weit, weil der Beton so hart ist und so wenig Zementleim hat, dass die Verschmutzung fast vollständig bleibt. Danach haben wir die Fertigteilfugen hart geschlossen, in der Tiefe mit dem Unterstopfmörtel von Pagel, einem Sanierungsmörtel für Fugen, und darauf mit unserer Betonkosmetik grob, dem Betonkosmetik Allrounder für die Struktur und dem X-Fine Betonkosmetik Extrafeinspachtel. Laibungen und Abplatzungen haben wir grob und fein aufgebaut. Zum Schluss haben wir die ganze Stele auf beiden Seiten nicht Stelle für Stelle retuschiert, sondern vollflächig, mit Beton Revive in zwei Farbtönen und einer großen Naturschwammrolle. Nur so ließen sich die Verfärbungen, die das Schleifen nicht weggebracht hat, gleichmäßig überdecken. An den separaten Bauteilen mit den großen Kiesnestern war das nicht nötig, dort haben wir lokal gespachtelt und lokal retuschiert.
Am Ende hat der Auftraggeber die Wand in SB3 abgenommen, und in Teilen ist sie sogar fast SB4. Die Fugen nimmt man nicht mehr wahr, die fünf Fertigteile wirken wie aus einer Wand, und die kleinen Poren sind offen geblieben, weil die Retusche nicht aufträgt. Die Wand sieht nach Beton aus und nicht nach einem Anstrich. Was du daraus für dein eigenes Projekt mitnehmen kannst, hat aber eine Grenze: Die drei Arbeitstage und die 52,5 Stunden gehören zu genau diesem Schadensbild und schließen einen Unterzug in der Halle ein, den wir zusätzlich nachgearbeitet haben. Daraus lässt sich weder ein Preis je Quadratmeter noch eine feste Dauer für eine andere Wand ableiten. Für die Fugen, den Deckenspiegel und den Unterzug haben wir außerdem keine Nachher-Fotos, dort beschreiben wir das Ergebnis nur.
Und noch etwas haben wir an dieser Wand wieder gesehen. Ein Mörtel, der schnell über eine Fehlstelle gezogen wird, spart am Anfang Zeit und kostet sie später doppelt, weil er wieder herunter muss, bevor die eigentliche Arbeit beginnen kann. Dasselbe gilt für Flanken, die ohne Erfahrung mit Diamant geschliffen werden. Betonkosmetik ist eine Investition in eine dauerhafte Aufwertung, und die gelingt am besten, wenn sie von Anfang an als eigenes Handwerk gemacht wird.